„Jugendstil in Luxemburg?“ Oft begegnete man uns mit Verwunderung oder Skepsis, wenn wir in den vergangenen Jahren von unserem Vorhaben berichteten, im Nationalmuseum eine Ausstellung zum Thema Art nouveau zu organisieren.
„Das ist ein schwieriges Thema“, hieß es dann. Oder: „Der Jugendstil hat sich hier doch kaum entfaltet.“ Sicherlich gab es in Luxemburg keine eigene Ausprägung wie in Nancy, München oder Brüssel, das war evident. Tatsache blieb aber, dass dieser faszinierende Stil immer wieder zum Vorschein kam – auch im Großherzogtum und nicht nur in der Architektur, schaute man nur genau genug hin. Eine Frage beschäftigte uns während der Vorbereitungen durchgehend: War der Zusammenfall wichtiger Ereignisse in der Luxemburger Kunstszene, wie die Entstehung des Luxemburger Kunstvereins Cercle artistique de Luxembourg im Jahr 1893 und die Gründung der Handwierkerschoul nur drei Jahre später, an der Künstler und Kunsthandwerker gemeinsam ausgebildet wurden und unterrichteten, mit der Epoche des Jugendstils in den Jahrzehnten um 1900 wirklich nur Zufall?
Wir gingen also auf Spurensuche, trotz aller Bedenken, ermutigt von vielen gerade jungen Liebhabern und Liebhaberinnen dieses Stils, die begeistert auf unsere Ausstellungsidee reagierten. Nach und nach entdeckten wir immer mehr kunsthandwerkliche Objekte, Zeichnungen und Schwarzweißaufnahmen, allesamt wertvolle Zeugnisse eines in Luxemburg schon fast verloren geglaubten Stils, die unsere Neugierde noch steigerten.
Keramikmalerei, Schmiedekunst und mehr
Die Ausstellung „Vu Lilien a Linnen. Jugendstil, Handwierk a Konscht zu Lëtzebuerg“ präsentiert ab Mitte März das vorläufige Ergebnis dieser – zugegebenermaßen herausfordernden – Recherchearbeit und hofft zugleich, der Ausgangspunkt für zahlreiche weitere Entdeckungen zu sein. So konnten wir bei den Nachkommen des Luxemburger Keramikmalers Antoine Jans Jugendstilarbeiten für Zens Frères, für Villeroy & Boch oder auch für den privaten Gebrauch des Künstlers entdecken, die bislang nur wenigen Kunstkennern und -kennerinnen bekannt waren. Zusammen mit einer Schenkung von Entwurfszeichnungen von Pierre Blanc und anderen Künstlern für die Luxemburger Steingutmanufaktur sowie bislang unbekannten Verkaufskatalogseiten ermöglichen sie zu erahnen, was man in der Zeit des Jugendstils im Bereich der Keramik im Großherzogtum initiierte.
Das Durchblättern von Fotoalben aus dem Nachlass von Michel Haagen mit seinen Werken, die er auch in Zusammenarbeit mit Etienne Galowich oder Marcel Langsam fertigte, erlaubte uns zu verstehen, welche Hürden der Stil bis zur Akzeptanz bei den Auftraggebern und -geberinnen nehmen musste. Wenige aber begeisternde kunstschmiedeeiserne Arbeiten sind bis heute erhalten und können nun erstmals museal ausgestellt werden. Im Archiv des Glasmalereiateliers Bauer in Bad Mondorf, dem Kunsthandwerksbetrieb in der Nachfolge des Glasmalers Linster, fanden sich noch nie öffentlich gezeigte Entwurfszeichnungen für Jugendstilfenster. Dies sind nur einige Beispiele, die verdeutlichen, wie unsere Geduld und Hartnäckigkeit belohnt wurden. Die Ausstellung „Vu Lilien a Linnen“ zeigt die Glanzlichter unserer Entdeckungsreise, nicht zuletzt auch zahlreiche Schätze, die im museumseigenen Depot schlummerten, in einer stilgerechten Inszenierung der Gestaltergruppe Raumeinsichten.
Fotografieren unter vollem Einsatz
Ein besonderes Highlight sind die Videoinstallationen der Agenturen Explose und Lights, die in die Ausstellung integriert werden. Dabei wird der Versuch unternommen, die Objekte zu veranschaulichen, deren Aussehen nur anhand vorbereitender Zeichnungen übermittelt ist. Hier ist Vorstellungsvermögen gefragt, aber eine spielerische digitale Herangehensweise und die spannende Technik des Videomappings machen es dem Betrachter und der Betrachterin leicht.
Gleiches gilt für die Architektur. Sowohl historische Schwarzweißaufnahmen als auch eine fotografische Dokumentation der bis heute erhaltenen Jugendstilbauten in Luxemburg ermöglichen es den Besucherinnen und Besuchern der Ausstellung, den Blick für diesen Stil im Stadtbild des Großherzogtums zu schärfen. Dieses nicht abschließende Inventar zeigt Beispiele von eher zurückhaltenden, noch vom Historismus geprägten Fassaden mit handwerklich hochwertig gestalteten Jugendstildetails ebenso wie einzigartige Architekturbeispiele, die sich durch ihre konsequente Gesamtkonzeption deutlich abheben. Geschwungene Linien kombiniert mit reichen floralen Verzierungen, wie etwa Blumen und Blätter, entfalten sich auf Fliesen und Mosaiken, in farbenfrohen Fenstern, an Balkongeländern oder an den skulptierten Tür- und Fensterlaibungen.
Die wenigsten werden jemals Gelegenheit gehabt haben, solche Gebäude auch im Inneren zu erkunden. Genau dies ermöglicht eine Serie von Aufnahmen, die dank des unermüdlichen Einsatzes unseres Fotografen Tom Lucas realisiert werden konnte. Zum Teil wurde er in privaten Häusern willkommen geheißen, zum Teil wurde ihm ausnahmsweise Zugang zu geschäftlich genutzten Räumlichkeiten gewährt. Entstanden ist – unter nicht immer einfachen Bedingungen – eine wunderbare Fotoserie und damit eine einmalige Gelegenheit, hinter die Fassaden zu schauen!
Wie sich das Kunsthandwerk neu erfindet: Luxemburger Besonderheiten
Betrachtet man die um 1900 in Luxemburg entstandenen kunstgewerblichen Objekte genauer, wird deutlich, dass man dem Art nouveau aufgeschlossen gegenüberstand. Dies zeigen auch aus dem Ausland importierte Stücke. Allerdings schwankte die Kunstszene zwischen einem Traditionsbewusstsein einerseits, das das Kunstschaffen des kleinen Großherzogtums, das erst 1890 mit einer eigenen Dynastie seine vollständige Unabhängigkeit erreicht hatte, in der historischen Kontinuität verankern sollte. Andererseits wollte man mit dem Aufgreifen neuartiger Ausdrucksformen wie dem Jugendstil dem Wesen der eigenen Zeit und einer modernen Gesellschaft gerecht werden.
Durch neue künstlerische Ausdrucksformen das Handwerk zukunftsfähig zu machen, aber auch Kunstschaffenden handwerklich-technische Fertigkeiten verschiedener Sparten zu vermitteln, schien den Protagonisten der Luxemburger Kunstszene in jedweder Hinsicht der zielführendste Ansatz zu sein. Aus diesen Überlegungen heraus entstand auf dem Gebiet des heutigen Großherzogtums erstmals eine Schule, an der Kunst schwerpunktmäßig unterrichtet wurde und die im engen Austausch mit der Kunstszene agierte. Es war also kein Zufall, dass der Cercle artistique de Luxembourg und die Handwierkerschoul in der Epoche des Jugendstils fast zeitgleich entstanden. Der Austausch quer durch alle Bereiche der Kunst – eine Zusammenarbeit, die charakteristisch für den Art nouveau ist – war für Luxemburg vielmehr eine gute Gelegenheit, seine Kunstszene aufzuwerten. Vor diesem Hintergrund entstanden Jugendstilwerke, die jedes für sich und in ihrer Gesamtheit spannende Geschichten erzählen.
Text: Ulrike Degen & Michèle Walerich (Arts décoratifs et populaires) - Bilder: Eric Chenal
Quelle: MuseoMag N° I - 2026