Das Meisterwerk, das lange Zeit als Kopie galt, ist eines der wenigen Überbleibsel eines der anspruchsvollsten öffentlichen Aufträge des Künstlers.
Dank der großzügigen Leihgabe eines privaten Sammlers kann das Museum nun ein außergewöhnliches Werk von Sir Anthony van Dyck (1599–1641) auf dem 3. Stock des Nationalmusée um Fëschmaart präsentieren. Van Dyck war ein flämischer Barockkünstler, der nach Erfolgen in den Spanischen Niederlanden und Italien zum führenden Hofmaler in England wurde. Abgesehen von Holbein waren van Dyck und sein Zeitgenosse Diego Velázquez die ersten Maler von herausragendem Talent, die hauptsächlich als Hofporträtisten arbeiteten und damit das Genre revolutionierten.
Van Dycks Einfluss reicht bis in die Moderne hinein, und er gilt heute weithin als einer der bedeutendsten Maler der Kunstgeschichte. Zu Lebzeiten verlieh ihm König Karl I. den Ritterorden. Er wurde in der St. Paul’s Cathedral beigesetzt – ein Zeichen seines außergewöhnlichen Ansehens zur Zeit seines Todes. Es ist eine große Freude, unsere Sammlung mit einem beeindruckenden Werk eines so großen Meisters bereichern zu können.
Diese Ölskizze ist eines der wenigen Überbleibsel eines der anspruchsvollsten öffentlichen Aufträge des Künstlers. Das Werk, das lange Zeit als Kopie galt, befand sich über Jahre hinweg in einem Pflegeheim im Norden Englands. Vor einigen Jahren erwarb es Pater Jamie MacLeod für 400 Pfund in einem Antiquitätengeschäft in Cheshire. Danach hing es im Whaley Hall Ecumenical Retreat House, das Pater MacLeod leitete und das unweit von Manchester liegt. Einmal fiel es dort von der Wand und zerschmetterte einen CD-Player, erlitt jedoch selbst keinen nennenswerten Schaden. Da der Rahmen des für eine Kopie gehaltenen Bildes mit „Sir A. van Dyck” beschriftet war, brachte Pater MacLeod es 2013 zur Aufzeichnung der BBC-Sendung Antiques Roadshow an der Royal Agricultural University in Cirencester, um mehr darüber zu erfahren. Dort wurde es von Moderatorin Fiona Bruce als potenzielles Werk von van Dyck erkannt. Sie hatte mit dem Kunsthistoriker Philip Mould an einer Folge einer anderen BBC-Sendung (Fake or Fortune?) gearbeitet, in der kurz zuvor Werke von van Dyck vorgestellt wurden.
Mould teilte ihre Vermutung und schlug vor, das Werk von einem erfahrenen Restaurator reinigen zu lassen und bezeichnete diese Maßnahme als „das künstlerische Äquivalent einer [archäologischen] Ausgrabung”. Das Gemälde wurde von Simon Gillespie restauriert, der mit Lösungsmitteln die Übermalungen entfernte – ein Vorgang, der umgerechnet drei Wochen Vollzeitarbeit in Anspruch nahm.
Durch das Entfernen der späteren Übermalungen wurde aus einem scheinbar fertigen Porträt wieder eine Skizze mit unvollendeten Details, die van Dycks unverkennbare Handschrift offenbarten: die freie Pinselführung, der leuchtend rote Untergrund und die nur angedeutete, unvollendete Halskrause. Anschließend wurde vom renommierten van-Dyck-Experten Christopher Brown bestätigt, dass es sich um ein Werk des Malers handelt.
© éric chenal
Das Zeugnis der Arbeitsweise eines Genies
Das Porträt wird heute als eine der Vorstudien zu Die Magistrate von Brüssel angesehen, ein monumentales Gruppenbildnis von Stadtbeamten, das 1634 in Auftrag gegeben wurde. Dieses Werk wurde 1695 während der Bombardierung Brüssels zerstört und ist heute nur noch durch ein Grisaille-Modell in der École Nationale Supérieure des Beaux-Arts in Paris und eine Handvoll damit verbundener Kopfstudien dokumentiert: Es existieren drei Skizzen von Magistratenköpfen für dasselbe Werk, die denselben roten Hintergrund wie MacLeods Gemälde haben. Zwei davon befinden sich im Ashmolean Museum in Oxford, eine dritte wurde an einen unbekannten Käufer veräußert. Ein weiteres Werk aus der britischen Royal Collection könnte ebenfalls aus derselben Serie stammen.
Die auf der wiederentdeckten Skizze dargestellte Figur entspricht der Person ganz rechts in der Grisaille-Komposition und gibt uns nicht nur einen genaueren Einblick in das Erscheinungsbild eines einzelnen Brüsseler Magistraten, sondern auch in van Dycks Arbeitsweise, die ihn von Ölstudien zu großformatigen fertigen Kompositionen führte.
Der unvollendete Zustand des Werks ist zentral für seine Anziehungskraft. Im Gegensatz zu van Dycks ausgefeilten Hofporträts bietet diese Skizze einen intimen Einblick in den Schaffensprozess des Künstlers: schneller Farbauftrag, kühner Umgang mit Licht und eine Konzentration auf den Ausdruck des Modells statt auf die Insignien von Kostüm und Status. Solche Studien, die selten für die Öffentlichkeit bestimmt waren, erinnern uns daran, dass selbst die berühmtesten Meister ihre Werke in Etappen begannen und dabei Beobachtung und Erfindung miteinander verbanden.
Die Wiederentdeckung dieser Skizze zählt definitiv zu den Sternstunden ihrer Geschichte. Ursprünglich für einen bescheidenen Betrag in einem Antiquitätengeschäft in Cheshire erworben, wurde sie später – wie oben erwähnt – von führenden Experten authentifiziert und schließlich auf einen Wert zwischen 300.000 und 400.000 Pfund geschätzt. Damit erhielt sie die höchste Bewertung, die jemals in der langen Geschichte der Antiques Roadshow vergeben wurde.
Pater MacLeod kündigte seine Absicht an, sie zu verkaufen, um vom Erlös Kirchenglocken zu erwerben und damit an den hundertsten Jahrestag des Beginns des Ersten Weltkriegs zu erinnern. Letztendlich gelangte die Skizze in die Sammlung eines angesehenen Privatsammlers und wurde seitdem im Rubenshaus in Antwerpen und in der Frick Collection in New York ausgestellt, wodurch sie fest im internationalen Kanon von van Dycks Œuvre verankert wurde. Der Sammler, ein langjähriger Freund des Museums, hat kürzlich beschlossen, das Werk großzügigerweise dem Museum als Leihgabe zur Verfügung zu stellen.
© Ecole Nationale Superieure des Beaux Arts de Paris
Resonanz in Luxemburg
Die Präsenz dieses Gemäldes im Nationalmusée um Fëschmaart hat eine besondere Symbolkraft, da es (wie die verlorenen Magistrate von Brüssel) sowohl die Größe als auch die Fragilität der kulturellen Errungenschaften Europas verkörpert. Die Zerstörung der Originalleinwand im Jahr 1695 spiegelt die bedeutenden Verluste wider, die die europäische Kunst in Zeiten von Konflikten erlitten hat – eine Erfahrung, die Luxemburg als Schnittpunkt verschiedener Imperien nur allzu gut kennt. In diesem Sinne erinnert das Überleben dieser Skizze an die Widerstandsfähigkeit des kulturellen Gedächtnisses, das selbst dann fortbesteht, wenn Meisterwerke verschwinden.
Im Nationalmusée um Fëschmaart tritt van Dycks Studie in einen lebendigen Dialog mit anderen Porträts aus der Sammlung des Museums. Dazu gehören dem Maler David Teniers III. zugeschriebene Porträt eines Mannes, (möglicherweise auch seines Vaters David Teniers II.) sowie Werke von Willem Key, seinem Adoptivsohn Adriaen Thomas Key und Nicolas Neufchâtel. Zusammen zeichnen diese Porträts die Entwicklung der Porträtmalerei im 16. und 17. Jahrhundert in den Niederlanden nach – von intimen Porträts bis hin zu imposanten bürgerlichen Darstellungen. Van Dycks Skizze fügt dieser Erzählung eine wesentliche Dimension hinzu, da sie den Höhepunkt der flämischen Porträtmalerei am Vorabend seiner Karriere in England darstellt.
Indem die Skizze van Dyck in diese Konstellation niederländischer Meister einordnet, geht ihre Bedeutung weit über die eines wiederentdeckten Meisterwerks hinaus. Es stellt eine Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart, lokaler Identität und kontinentaler Kultur her. Der „neue“ van Dyck kann nun im Museum bewundert werden, wo er in der dritten Etage dauerhaft präsentiert ist.
Text: Ruud Priem (Beaux-Arts) - Bilder: Eric Chenal, Ecole Nationale Superieure des Beaux Arts de Paris
Quelle: MuseoMag N° I – 2026
© éric chenal