Im Rahmen eines Kollektionsaustauschs der Alten Meister des MNAHA stehen die Ausstellungen Sprechende Bilder im Arp Museum in Remagen sowie From Renoir to Monet. Die Impressionisten der Sammlung Rau für UNICEF in einem engen Dialog zueinander. Im Kontext der Präsentation im Nationalmuseum geben die Direktorin des Arp Museums, Dr. Julia Wallner, und die Kuratorin der Kunstkammer Rau, Dr. Susanne Blöcker, eine Einführung in die Sammlung Rau und eröffnen damit einen vertieften Blick auf deren kunsthistorische Bedeutung und inhaltliche Schwerpunkte.
Das Rätsel der schönen Unbekannten?
Mit leichtem Lächeln blickt sie uns entgegen, rätselhaft, unbekannt. Mit lockeren dicht nebeneinander gesetzten Pinselstrichen streicht der große Impressionist Auguste Renoir über ihren matt schimmernden Teint, ihr seidiges Haar und die darin leuchtende rote Rose. Was will uns die schöne Unbekannte erzählen? Vielleicht, dass sie Margot hieß (eigentlich Marguerite Legrand), dass sie zwischen 1875 und 1879 zu den Lieblingsmodellen – und Freundinnen – Renoirs gehörte. Erzählt sie von der Liebe oder dem Tod, denn sie verstarb mit nur 23 Jahren an Typhus? Oder erzählt sie von ihrem Siegeszug durch die Kunst? Ist sie doch schon in der zweiten historisch verbürgten Impressionismus-Ausstellung eines der Highlights der Show – und gehört also zu den stilprägenden ikonischen Bildern dieser bahnbrechenden Kunstbewegung. Danach taucht sie zunächst in diversen Privatsammlungen unter. Doch Ende der 1990er hat sie erneut einen großen Auftritt. Denn sie reist um die Welt – mit einer Sammlung, die ihresgleichen sucht. Die Sammlung des Kinder- und Tropenarztes Gustav Rau zählt damals zu den kostbarsten Privatsammlungen in Europa und doch blieb sie mitsamt ihrem Gründer vielen so rätselhaft wie das Modell von Renoir.
Auguste Renoir, Dame mit Rose, 1876
© Arp Museum Bahnhof Rolandseck/Slg. Rau für UNICEF, Foto: Horst Bernhard
Der geheime Louvre
Jahrzehntelang blieb die schöne Unbekannte von Renoir der Öffentlichkeit verborgen. In einem unterirdischen Tresorraum lagerten seit den frühen 1970er Jahren fast 800 kostbarste Gemälde, Skulpturen und kunstgewerbliche Gegenstände der Sammlung Rau. Die Fülle an Meisterwerken war erstaunlich: 200 beste Gemälde aus allen Epochen und Kunst- Landschaften, bedeutende Künstler von Fra Angelico über Cranach, Tiepolo bis Maurice Denis, von mittelalterlichen Altartafeln über niederländische Stillleben bis zu den Landschaften der Impressionisten. Sie sind die Stars der Sammlung. Von der Presse gefeiert hielt 2008 Renoirs Dame mit Rose als erstes von insgesamt 274 Werken Einzug ins Arp Museum Bahnhof Rolandseck, wo sie seither als Teil der Dauerleihgabe von UNICEF in regelmäßigen Abständen gezeigt wird.
Der passionierte Sammler
Was für ein Mensch steht hinter einer solchen Sammlung? 1922 in Stuttgart geboren, war Gustav Rau alleiniger Erbe einer Spezialwerkzeugfabrik für Autozubehör. Sein Weg war vorgezeichnet. Nach Studium und Promotion in den Wirtschaftswissenschaften, übernahm Rau in den 1960ern den väterlichen Betrieb. Seine Interessen waren allerdings ganz andere. Angezogen von den Ideen Albert Schweitzers begann er 1962, mit 40 Jahren, neben der Firmenleitung Tropenmedizin zu studieren. Er promovierte, verkaufte das elterliche Unternehmen nach dem Tod des Vaters 1970 – und ging, mit fast 50 Jahren, nach Afrika.
Daneben trieb ihn aber auch noch eine zweite Passion an: die Liebe zur Kunst. Alles begann 1958 mit einem skurrilen kleinen Bildchen des Rembrandt- Schülers Gerrit Dou. Es zeigt eine alte Köchin beim Auslöffeln ihrer Suppe. Zunächst war es nur ein Einzelstück, empfohlen durch einen Stuttgarter Galeristen. Aber Gustav Rau wollte mehr, besuchte kunsthistorische Vorlesungen, las Fachbücher, wurde zu einem leidenschaftlichen Kunstexperten. Er sammelte, was ihm originell und schön erschien. Schon in den 1960ern fesselte ihn der Fischer mit Netzen von Frédéric Bazille. Es ist das erste von vielen impressionistischen Bildern, die später einen Schwerpunkt seiner Sammlung ausmachen sollten.
Frédéric Bazille, Fischer mit Netz, 1868
© Arp Museum Bahnhof Rolandseck/Slg. Rau für UNICEF, Foto: Mick Vincenz © VG Bild-Kunst
Nach dem Verkauf des elterlichen Betriebs Anfang der 1970er Jahre sammelte Rau sie im großen Stil: ob es nun die Vorstadt-Impressionen Camille Pissarros waren oder die sturmgepeitschten Felspyramiden von Port-Coton von Claude Monet. Nicht mehr ein oder zwei Gemälde, sondern gleich 28 hochrangige Meisterwerke kaufte Gustav Rau alleine in nur einem Jahr, 1971. Bestimmte Themen und Motivgruppen lagen dem Sammler dabei besonders am Herzen, Bildnisse wie das schonungslose letzte Selbstporträt von Degas, innige Familienszenen wie die von Mary Cassatt. Es ist das zutiefst Menschliche, das Gustav Rau in die Kunst trieb, es ist sein Blick für Qualität, der bis heute einen faszinierenden Rundgang durch die Geschichte des Impressionismus ermöglicht.
Edgar Degas, Selbstbildnis, ca. 1900
© Arp Museum Bahnhof Rolandseck/Slg. Rau für UNICEF, Foto: Peter Schälchli, Zürich
Text: Julia Wallner & Susanne Blöcker (Direktorin & Kuratorin Arp Museum Bahnhof Rolandseck) – Bilder: Arp Museum Bahnhof Rolandseck/Slg. Rau für UNICEF
Quelle: MuseoMag N° III – 2026
Mary Cassatt, Louise, ihr Kind stillend, 1899
© Arp Museum Bahnhof Rolandseck/Slg. Rau für UNICEF, Foto: Mick Vincenz © VG Bild-Kunst