1839 ist es so weit: Willem II., König der Niederlande und Großherzog von Luxemburg, lässt erste Maßnahmen für den Aufbau einer Luxemburger Landesarmee ergreifen. Sie besteht aus leicht bewaffneten Einheiten, den sogenannten Jägern, und heißt deshalb Luxemburger Jägercorps.
Allerdings wird das Corps anfangs gar nicht zur Landesverteidigung aufgestellt, sondern für den Bündnisfall in einer Allianz deutscher Staaten, dem Deutschen Bund, dem das Großherzogtum seit dem Wiener Kongress angehört. Mit dem Zerfall des Bundes im Jahr 1866 erübrigt sich auch die Funktion des Bundeskontingents, das Jägercorps bleibt aber nun zur nationalen Sicherheit bestehen. 1881 wird es zugunsten des Corps der Freiwilligen und Gendarmen abgeschafft.
11.555 Soldaten in 11 Bänden: Die Matrikelbücher der Mannschaften
Im kleinen Land Luxemburg ist der soziale und wirtschaftliche Impakt der Rekrutierung von nicht weniger als 11.555 Soldaten nicht zu unterschätzen – ein erheblicher Anteil der damaligen Bevölkerung von rund 200.000 Seelen. Pro Jahr werden landesweit aus etwa 1.500 für den Wehrdienst tauglich befundenen 18-Jährigen um die 300 Milizionäre für das Kontingent ausgelost und treten jährlich zum Sommer ihren Dienst an.
Sie werden zu einer achtjährigen Dienstzeit verpflichtet und ihre Grundausbildung in den Kasernen dauert bis zu zwei Jahren. Danach werden sie auf „unbestimmten Urlaub” entlassen und jährlich im Herbst zu Manöverübungen einberufen. Der Milizpflicht können sie sich entledigen, wenn sie einen Stellvertreter finden, der sich bereit erklärt, ihren Dienst zu übernehmen. Nicolas Bremer (*1816) beispielsweise versucht sich als „Ramplassang“ (luxemburgisch für remplaçant, Stellvertreter). Nach sechs Jahren freiwilligen Dienstes scheidet er am 7. Januar 1848 aus den Jägern aus und lässt sich knapp zwei Wochen später wieder als „Stellvertreter für Gellet, François aus Overwampach“ einreihen. Die Mannschaften setzen sich überwiegend aus jungen, ledigen Männern aus einfachen Verhältnissen im Alter von 19 bis 23 Jahren zusammen, was aus den tabellarisch aufgebauten Matrikelbüchern eindeutig hervorgeht. Diese beginnen auf der linken Seite mit der „Laufenden Nummer“ (Matrikel), den „Vor- und Zunamen, Namen der Eltern“, dem Geburtsdatum und -ort, Wohnsitz und einer Beschreibung der äußeren Merkmale des Soldaten, wie etwa der „Sonnenflecken im Angesichte“ Johann Baptiste Meÿs aus Ettelbrück. Die rechte Seite enthält Informationen darüber, „wann und wie“ er „bei das Corps gekommen“, wie lange er dienstpflichtig ist und wo er „Vorher gedient“ hat. Die beiden letzten Spalten halten „Beförderungen beim Corps bis zum Officiersgrad, gemachte Feldzüge, erhaltene Wunden, ausgezeichnete Thaten“ sowie „Wann und wie“ er „abgegangen ist“, fest. Beim Austritt wird der Nachname des Soldaten durchgestrichen.
Der Dienst scheint für die neuen Rekruten eine Belastung zu sein. Der 17-jährige Tagelöhner Pierre Honvelez aus Bourscheid hat sich den Alltag im Corps militaire du Grand-Duché anders vorgestellt und desertiert im August 1843 nach einem halben Jahr. Möglicherweise bewegen ihn seine Eltern dazu, sich im folgenden Februar zu stellen. Der gerade Volljährige wird im März vor den Kriegsrat der Offiziere gestellt und „wegen Desertion in Friedenszeiten“ zu sechs Monaten Gefängnis „ohne Begleitung von Starkschlägen“ und der „Abnahme der Cocarde“ verurteilt, was ihn sichtbar als Fahnenflüchtigen ausweist. Er setzt anschließend seinen Dienst fort, wird aber am 16. Februar 1845, nach nicht einmal drei von acht Jahren, entlassen.
Andere Deserteure profitieren vom Amnestiebeschluss, den König-Großherzog Willem II. am 21. Juli 1848 infolge der Revolution für die sich auflehnenden Milizionäre erlässt. Georges Hoffmann, der im Alter von 17 Jahren am 20. November 1842 für zehn Jahre rekrutiert wird, ist im September 1846 „vom Urlaub zurückgeblieben“ und wird einen Monat später „als Deserteur“ aus dem Matrikelbuch gestrichen. Allerdings hat er sich schon im April in Metz für fünf Jahre in der „Fremden Legion“ verpflichtet und nutzt den Urlaub, um zu deren „1° Regiment in Africa“ zu reisen. Im April 1851 kehrt Hoffmann zum Kontingent zurück und wird „wieder aufgenommen“. Er dient noch zwei Jahre, bevor er entlassen wird.
Nicht alle Rückkehrer sind Deserteure. Soldaten, die sich erneut verpflichten, können in die Unteroffiziers- und Offiziersränge aufsteigen und werden ins Offiziersmatrikelbuch übernommen.
155 Offiziere in einem Band: Das Matrikelbuch der Offiziere
Im Unterschied zu den gemeinen Soldaten und Unteroffizieren werden die Offiziere separat in einem ausführlicheren Buch geführt. Für jeden Offizier ist eine ganze Doppelseite vorgesehen, die sich zusätzlich dadurch unterscheidet, dass sie anders als die Mannschafts-Matrikelbücher keinen Eintrag zum Aussehen der Offiziere („Signalement“) vorsieht.
Über die Hälfte der 85 Offiziere ist – im Gegensatz zu den Mannschaften – verheiratet, wie Antoine Frédéric Dumont (1823-1884), der am 28. Juli 1868 Suzanne Gindorff (1837-1911) heiratete. Wohl anlässlich seiner Hochzeit ließ sich das Paar fotografieren, einmal allein und einmal im Beisein des Kontingentsarztes Dr. Würth im Anzug sowie des Offiziers Guillaume Weydert in Uniform. Aus Weyderts Nachlass, der 1957 ins Museum überführt wurde, stammen diese außergewöhnlichen Glasplatten, die diesen besonderen, feierlichen Moment festhalten.
Viele der Offiziere bleiben vom Bundeskontingent über das Jägercorps und sogar bis zur Freiwilligenkompagnie auf ihren Posten. Insbesondere bei den Offizieren verdeutlicht diese personelle Kontinuität die regelrechte Identität von Bundeskontingent und Jägercorps – „Bundeskontingent“ steht für die außenpolitische Funktion und „Jägercorps“ ist der Name der ersten Landesarmee.
Das Matrikelbuch der Offiziere wird über 150 Jahre fortgeführt und damit weit länger als die Bücher der Mannschaften, welche bereits 1881 abschließen. In diesem Band sind für einen fast viermal längeren Zeitraum nur 155 Offiziere gelistet, die vom Jägercorps über die Freiwilligen- und Gendarmenkompagnie bis hin zur Armee und Gendarmerie bzw. Polizei ihren Dienst leisten. Der letzte datierte Eintrag ist für einen „Lieutenant“ der Gendarmerie am 1. August 1996. In seiner Symbolkraft nicht zu übertreffen ist der 115. Eintrag: „Son Altesse royale Jean, Grand-Duc héréditaire Luxembourg, nommé Lieutenant honoraire de la Force armée par arrêté grand-ducal du 4 janvier 1939.“
Diese Matrikelbücher aus dem Musée de la Police Grand-Ducale stellen eine äußerst ergiebige Quelle dar. Sie wurden anlässlich der Ausstellung Luxemburger Bundeskontingent. Militär und Gesellschaft im 19. Jahrhundert digitalisiert und werden in Kürze der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.
Text: Ralph Lange (Centre de documentation sur la forteresse) - Bilder: Tom Lucas / MNAHA
Quelle: MuseoMag N° II – 2026